Wenn der Papa pendelt: Familien in Fernbeziehung

Wenn Papa nach Hause kommt, ist die Freude groß. Foto: halfpoint, Vasyl/Fotolia.com

Wenn Papa nach Hause kommt, ist die Freude groß. Foto: halfpoint, Vasyl/Fotolia.com

Immer mehr Menschen pendeln, auch in Sachsen ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, die nicht am gleichen Ort wohnen und arbeiten, in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich gestiegen. Überwiegend sind es Männer zwischen 30 und 40 Jahren – darunter natürlich auch Väter. Doch was macht es mit Familien, wenn ein Elternteil berufsbedingt häufig abwesend ist?

Fast 140 000 meist sehr gut qualifizierte Arbeitnehmer fahren laut Statistischem Landesamt inzwischen für ihren Job sogar über die Grenzen des Freistaates hinaus. Wissenschaftliche Studien belegen zum Teil gravierende negative Auswirkungen auf Partnerschaft, Familie und Haushaltsführung, wenngleich Pendeln nicht per se schlecht für die Betroffenen sein muss. Aber es ist eine Herausforderung – für alle Beteiligten.

Wie es ist, als Familie eine Fernbeziehung zu führen, hat Christian Hoffmann* selbst erlebt. Der 36-Jährige aus Leipzig ist seit mittlerweile zehn Jahren im Projektgeschäft tätig, mit Einsatzorten deutschland- und europaweit. Kurz nach der Geburt seiner Tochter musste der junge Vater für fast neun Monate ins Ausland – 700 Kilometer lagen damals zwischen ihm und seiner Familie. „Ich war immer zehn Tage weg und dann für drei volle Tage zu Hause. So lange getrennt zu sein, war hart. Im Grunde habe ich nur auf die nächste Heimfahrt hingearbeitet“ erinnert er sich. Seine größte Angst dabei war, dass ihn seine Kleine vielleicht einmal nicht mehr erkennen würde. „Ich hatte einfach das Gefühl, viel zu viel zu verpassen – die Kinder werden so schnell groß, diese Zeit kriegst du ja nicht zurück.“ Dazu das schlechte Gewissen, seine Frau mit allem allein zu lassen. „Zum Glück wohnten ihre Eltern ganz in der Nähe, sie haben uns geholfen, wo es nur ging – trotzdem vermissten wir beide ein ‚normales‘ Leben zu dritt“, erzählt der studierte Bauingenieur.

Solche Sorgen teilen viele Pendler, weiß Hannes Zacher. Der 38-Jährige ist Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Leipzig und kennt die Schwierigkeiten, die mit dem Pendeln einhergehen können: Da sei zum einen der Stress, der durch die Situation entstehen kann und dann an die Familienmitglieder weitergegeben wird – was wiederum zu Konflikten führt. Zudem würden Paare häufig in alte Rollenbilder zurückfallen, sprich er verdient das Geld und sie kümmert sich größtenteils um den Haushalt und Kindererziehung.

„Wir wissen, dass Pendler tendenziell öfter geschieden sind, wobei besonders die ersten fünf Jahre kritisch sind“, sagt der Experte. Hinzu kommen mangelnde Erholung und der Eindruck, dass es neben Arbeit und Familie gar nichts anderes mehr gibt, weil schlichtweg die Zeit für Hobbys und die Pflege sozialer Kontakte fehlt.

Kinder sind extrem konservativ

Auch Christian Hoffmann musste seine Sportschuhe an den Nagel hängen und stellte irgendwann fest, dass Einladungen von Freunden seltener wurden. Noch mehr zu schaffen machte ihm allerdings, dass seine Tochter sehr auf Mama fixiert war. Das Eis bei jedem Besuch von Neuem brechen zu müssen, tat weh.

Hannes Zacher, der selbst zwei Kinder hat, erklärt: „Gerade für sehr junge und übrigens auch pubertierende Kinder ist Regelmäßigkeit und Stabilität enorm wichtig. Wenn diese Nähe fehlt, kommt es mitunter zu einer Art Entfremdung.“ Deshalb sei das Kontakthalten gerade für die Kleinen so bedeutend.

Christian Hoffmanns Frau begann, für ihn Tagebuch zu führen und symbolisch die überstandenen Tage im Kalender abzustreichen, täglich wurden Fotos getauscht und geskypt oder telefoniert. Das half, ebenso die Vorfreude aufeinander und die Tatsache, dass dieser Zustand nur vorrübergehend ist.

Je älter die Kinder werden, desto mehr sei jedoch mit offenem Protest gegen das ständige Abschiednehmen zu rechnen. Der Psychologe rät, all das ernst zu nehmen, den Ärger und die Nöte der Kleinen auszuhalten, ihnen zu signalisieren: Ich verstehe dich. „Eltern können erklären, was Papa auf Arbeit genau macht, auch ein gemeinsamer Besuch im Büro führt häufig zu mehr Verständnis.“ Pendler sollten außerdem nicht zu hohe Erwartungen an die verbliebene gemeinsame Zeit haben – denn man kann am Wochenende nun mal nicht das ganze Familienleben nachholen.

Pendeln hat weitreichende Folgen

Angesichts der enormen Belastungen, denen Pendler und ihre Familien ausgesetzt sind, verwundert es nicht, wenn Hannes Zacher offen zugibt, dass er sich selbst bewusst gegen das Pendeln entschieden hat. „Wir hätten mein Elternhaus in Braunschweig übernehmen können, aber die Vorstellung, dass zwischen meinem Lebensmittelpunkt und meiner Arbeitsstätte eine so große Distanz gelegen hätte, hat mich abgeschreckt.“ Stattdessen blieb er mit seiner Familie in Leipzig und kann weiterhin zur Arbeit laufen.

Allen, die freiwillig über Pendeln nachdenken, empfiehlt er, gut zu hinterfragen, ob es das wert ist. Die Konsequenzen werden nämlich gerne unterschätzt. Frauen zum Beispiel schieben häufig ihren Kinderwunsch auf und bleiben irgendwann vielleicht sogar kinderlos. „Frauen macht die Pendelei generell stärker zu schaffen als ihren männlichen Leidensgenossen, bedingt durch unsere gesellschaftlichen Erwartungen und Vorstellungen“, berichtet Hannes Zacher.

Doch in der Regel ist nach wie vor der Mann der Hauptverdiener und wenn die besser bezahlten Jobs nicht in der Heimat liegen, nehmen sie lieber lange Wege in Kauf als die Familie aus ihrem gewohnten Umfeld zu reißen. „Wer keine andere Wahl hat als zu pendeln, sollte versuchen, das Beste aus der Situation zu machen“, betont der Psychologe. Denn individuelle Faktoren wie die eigene Einstellung und bestimmte Kontextfaktoren können einiges abfedern. Auch wenn es schwerfällt, sollten Betroffene das Positive im Blick behalten: „Für Familien ist das Pendeln auch eine Chance zusammenzuwachsen. Sämtliche Hürden gemeinsam überwunden zu haben, das schweißt zusammen“, ist sich Hannes Zacher sicher.

Diese Erfahrung hat auch Christian Hoffmann gemacht. Seitdem das zweite Kind auf der Welt ist, hat sich das Thema Montage bis auf wenige Wochen im Jahr erledigt, sind die Phasen der Abwesenheit deutlich kürzer und damit besser planbar geworden. Dennoch zählt er mit einem Arbeitsweg von mindestens 45 Minuten pro Strecke weiterhin zu den Pendlern. „Aber ich bin fast jeden Tag zu Hause – das ist für uns inzwischen die Norm und nicht mehr die Ausnahme“, freut er sich.

Wie wichtig der geteilte Alltag für Familien ist, bestätigt auch Hannes Zacher. „Meine Hoffnung ist, dass durch den demografischen Wandel und den Fachkräftemangel ein Umdenken bei den Unternehmen einsetzt – denn auch Mitarbeiter haben ein Privatleben. Flexibilität ist keine einseitige Geschichte, Arbeitgeber müssen mehr auf die Bedürfnisse von ihren Angestellten eingehen, sonst werden sie sie zukünftig nicht mehr halten können.“

*Name von der Redaktion geändert

Constanze Dietsch

Tipps für Pendler und deren Familien

Für Familien in Fernbeziehung gibt es kein allgemein gültiges Patentrezept. Aber alle Betroffenen müssen praktisch irgendwie mit der Situation klarkommen. Dabei helfen folgende puffernde Faktoren:

Rituale etablieren: Zu festen Zeiten miteinander zu kommunizieren ist vor allem für Kinder extrem wichtig.

Trost für Zwischendurch: Fotoalben oder ein T-Shirt mit Papa-Geruch lindern die Sehnsucht, Strichlisten oder Kalender machen die Zeit überschaubar und steigern die Vorfreude.

Stress und Druck reduzieren: Versuchen Sie eine gewisse Gelassenheit zu entwickeln – man kann nicht alles in zwei Tagen aufholen. Auch die Wohnung muss nicht immer perfekt hergerichtet sein. Geben Sie – wenn möglich – Arbeiten ab.

Positiv bleiben: Kinder reagieren sehr sensibel auf das Erleben ihrer Eltern. Versuchen Sie das Beste daraus zu machen. Wenn man sich erst einmal an die neue Situation gewöhnt hat, fällt manches nicht mehr ganz so schwer. Seien Sie ruhig stolz auf erlangte Kompetenzen.

Soziales Netz aufbauen: Wenn ein Elternteil pendelt, bleibt der andere vorübergehend alleinerziehend zurück. Das kann bei berufstätigen Müttern schnell Betreuungsprobleme nach sich ziehen. Holen Sie sich so viel Unterstützung wie möglich.

Intensive Familienzeit: Verbringen Sie ihre gemeinsame Zeit möglichst aktiv, treffen Sie sich mit Freunden, lassen Sie aber auch Raum für Spontanität.

Selbstfürsorge: Vergessen Sie nicht, auch einmal an sich selbst zu denken und sich etwas Gutes zu tun.

Arbeitsweg einsparen: Erkundigen Sie sich, ob es möglich ist, (zeitweise) im Homeoffice zu arbeiten.

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