
Schreibabys rauben ihren Eltern den letzten Nerv. In Leipzig finden verzweifelte Familien Hilfe. Foto: dpa
Wenn ein Baby stundenlang und scheinbar ohne Grund schreit, werden Eltern nervös. Sie machen sich Sorgen, haben Angst, etwas falsch zu machen, und werden unsicher. Rund ein Fünftel aller Babys sind Schreibabys. Die Chance, selbst einen kleinen Schreihals zu bekommen ist also gar nicht so gering. Und dennoch gilt: alles kein Grund zur Panik.
So manchen Eltern steht ihr Schreibaby förmlich ins Gesicht geschrieben. Schlafmangel und stetiger Bereitschaftsdienst hinterlassen Spuren. Wenn ein Kind mehr als drei Stunden lang weint – an mindestens drei Tagen pro Woche und vor allem über drei Monate hinaus – dann spricht man von einem Schreibaby. Und viele schreien sogar noch viel mehr. Manchmal ganze Nächte durch, die Tage über.
Das geht an die Substanz, bei Eltern und Kind. Lassen sich die Kleinen nicht beruhigen, weder durch Stillen oder Tragen, Schaukeln oder Wickeln, sind Eltern mit ihrem Latein am Ende. Schlimmer noch, am Rande des Nervenzusammenbruchs.
Aus lauter Verzweifelung werden sie erfinderisch, packen ihr Kind ins Auto und fahren durch die Nacht, durch die Waschanlage, sie stellen einen Fön an, gehen spazieren oder in die Badewanne. Und sie leiden unter Schuldgefühlen. Die Stimmung ist angespannt, das Nervenkostüm wird zunehmend dünner. Auch wachsen manchmal Aggressionen gegen das eigene Kind. „Warum muss gerade mir das passieren?“ fragen sich die Eltern, wo das Baby der Freunde oder Nachbarn doch schläft wie ein Engel.
Bevor die Lage eskaliert, empfehlen Experten den Weg in die Schreiambulanz. Diese gibt es in den meisten Großstädten und sie sind häufig an Kinderkliniken oder Kinderzentren angeschlossen. Neben wertvollen Tipps gibt es dort für Eltern vor allen Dingen eines: Verständnis, die Beruhigung, nichts falsch zu machen sowie die Erkenntnis, mit diesem Problem nicht allein zu sein. In Leipzig existiert ein gut ausgebautes Netzwerk in Sachen Schreibaby. Ein Baustein findet sich beispielsweise in der UniKlinik in dem Psychologen Peter Hiermann, der in erster Linie dazu rät, das Thema nicht zu dramatisieren: „Rund ein Fünftel aller Babys sind Schreibabys und diese Zahl ist bereits hoch gegriffen. Dass Kinder in den ersten Lebensmonaten viel schreien, ist völlig normal. Das perfekte Baby gibt es nicht, das gilt auch für die perfekten Eltern. Wenn das Schreien allerdings über den dritten Monat hinaus geht oder Eltern sehr belastet sind, sollten sie einmal zu uns kommen.“
Das Erste, was der Psychologe Eltern beruhigend sagen kann, ist: DIE Ursache gibt es nicht. Es liege auch nicht an einem Geburtstrauma, wie viele annehmen. Vielmehr besäßen Schreibabys häufig eine bestimmte Art der Wahrnehmung, seien quasi permanent auf Empfang und damit überreizt. Ein Patenrezept gibt es daher nicht, alleine lassen und abwarten ist auf keinen Fall eine gute Lösung. Aber einfache, immer wiederkehrende Abläufe und die Reizreduzierung sind ein guter Anfang.
„Der Teufelskreis beginnt damit, dass Eltern auf starke Reize setzen, um zu beruhigen, beispielsweise Herumtragen und Schaukeln, Autofahren oder eben der Fön. Mit starken Reizen können sich die Kinder vom Schlafmangel ablenken, doch löst sich das Problem dadurch nicht. Auch schütten die Eltern dann Stresshormone aus, die die Säuglinge anfangs noch riechen können und die sie wiederum in Aufruhr versetzen.“ Auch sei der stetige Varianten wechsel eines der Hauptprobleme. „Das Beste für Babys ist Gewohnheit. Immer wieder über ein bis zwei Wochen die gleiche Methode anwenden, um ein Kind zu beruhigen, kann Wunder wirken. Das Ziel ist im ersten halben Jahr nicht Erziehung, sondern Beruhigung“, rät Hiermann.
Auch kann er Eltern die Angst nehmen, ihre Kinder könnten sich durch das Schreien schlecht entwickeln oder daran erkranken: „Zuerst werden die Kinder natürlich gründlich vom Kinderarzt untersucht, zum Beispiel auf einen Herzfehler. Wenn eine Krankheit ausgeschlossen werden kann, sind Schreibabys stabil und werden weder körperliche, noch seelische Schäden davontragen.“
Und noch besser, es besteht Hoffnung. Die Erfahrung der UniKlinik zeigt: Rund zwei Drittel aller Familien brauchen nur ein bis zwei Termine, dann bessert oder löst sich die Problematik. Und letztlich müssen sich Eltern immer eines vor Augen halten: Auch diese Phase wird vorüber gehen.
Kontaktadressen:
SchreiSchlafFütter-Sprechstunde
Universitätsklinikum Leipzig, Universitätsklinik und Poliklinik für Kinder und Jugendliche
Liebigstraße 20 A, 04103 Leipzig
Telefon: 0341 97 22 42
Sozialpädiatrisches Zentrum Leipzig
Kooperation mit der “Sorgen-Kinder-Eltern-Sorgen”-Sprechstunde
Delitzscher Str. 141, 04129 Leipzig am Krankenhaus St. Georg
Telefon: 0341 98 49 27
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie
Psychosomatik und Psychotherapie
Parkkrankenhaus Leipzig
Morawitzstr. 2, 04289 Leipzig
Telefon: 0341 84 12 51
Buchtipps:
Christine Rankl
„So beruhige ich mein Baby. Tipps aus der Schreiambulanz“
Patmos Verlag; 14,90 Euro
Mauri Fries
„Unser Baby schreit Tag und Nacht“
Ernst Reinhardt Verlag; 9,90 Euro
Joachim Bensel
„Wie Sie Ihr Schreibaby verstehen und beruhigen“
Osterbrink Verlag; 22,90 Euro
Thomas Harms
Emotionelle Erste Hilfe Bindungsförderung, Krisenintervention, Eltern-Baby-Therapie
Leutner Verlag; 15,80 Euro
Annika Ross (erschienen im Baby-Schlingel 2012, dem Sonderheft des LVZ-Familienmagazins).
Hier können Sie das PDF kostenlos herunterladen!
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