
Die Hebammen Friederike Scholz (links) und Andrea Held vom Geburtshaus am Marienplatz in Leipzig. Foto: Regina Katzer
Die Geburt des eigenen Kindes gehört zu den schönsten und unvergesslichsten Momenten im Leben. Um so wichtiger ist es, dass sich Mutter und Kind während der Geburt gut aufgehoben fühlen. In Leipzig können werdende Eltern zwischen einer Vielzahl an Geburtsstätten wählen. Um Ihnen die Entscheidung, welche die richtige für Sie ist, ein wenig zu erleichtern, haben wir Ihnen in unserer Serie die Entbindungsstationen von drei Krankenhäusern vorgestellt. Zum Abschluss nehmen wir Sie nun mit in das Geburtshaus am Marienplatz.
Vorm Betreten des Geburtshauses am Marienplatz heißt es erst einmal “bitte Schuhe ausziehen”. Gegen kalte Füße steht ein Korb mit dicken Wollsocken bereit. Alles ist wohnlich eingerichtet, die Wände sind mit Babyfotos dekoriert, an den Zimmertüren hängen Namensschilder mit Grete, Lotte und Liese. Unweigerlich stellt sich ein gewisser Wohlfühlfaktor ein. Diese gemütliche Atmosphäre sei sicher auch ein Grund, warum sich werdende Eltern für eine Geburt in einem Geburtshaus entscheiden, weiß Hebamme Friederike Scholz. “In jedem Fall treffen sie ihre Wahl sehr bewusst.” Die Schwangeren würden nach einer Alternative zur herkömmlichen Entbindung in einem Krankenhaus suchen, zum Teil weil sie dort zuvor schlechte Erfahrungen gemacht haben. “Im Vergleich zur Klinik haben wir den großen Vorteil einer individuellen Betreuung und Beratung durch hauptsächlich eine Hebamme, die die Frau von Anfang bis Ende begleitet, von Schwangerschaft über Geburt bis hin ins Wochenbett”, erklärt Hebammen-Kollegin Andrea Held einen der wichtigsten Unterschiede.
Anders ist auch die Philosophie, mit der hier gearbeitet wird. “Wir bestärken die Frau, dass sie selber diejenige ist, die schwanger ist und ihr Kind bekommt, dass sie selbst Mutter wird. Wir sind nicht die Kompetenteren, die sie bevormunden, sondern wir unterstützen sie in ihrer Mündigkeit und Fähigkeit, schwanger zu sein, gebären zu können und Mutter zu sein”, sagt Friederike Scholz. Die Schwangere merke selbst, wie es ihr und ihrem Baby geht. Dieses Körperbewusstsein und die Bindung zum Kind zu stärken, ist das Ziel. Denn wenn sich die Schwangere sicher fühle unter und mit ihren Wehen, dann sei auch die Geburt sicher. “Erst wenn das Gefüge wackelt, muss ich aufmerksam sein und wenn ich merke, ich habe auch keinen Kontakt mehr und ich weiß nicht, was hier passiert, dann bedarf es einer Kontrolle von außen – aber erst dann”, sagt die 47-Jährige. Es werden also nicht von vornherein Untersuchungen durchgeführt, weil sich die werdenden Mütter sonst zu sehr darauf verlassen würden. Stattdessen soll jede Untersuchung zur Bestätigung der eigenen Einschätzung dienen. Deshalb fragt Friederike Scholz vorneweg: Was denkst du, ist dein Kind gut genug gewachsen? Oder sie lässt die Lage des Kindes schätzen. “So ist es eine Kommunikation und wir gucken, ob das kompatibel ist. Wir lernen miteinander voneinander und wachsen gemeinsam, das ist ein ganz spannendes Unterfangen.”
Obwohl Diagnostik und Laborparameter somit nur am Rande eine Rolle spielen, setzen die Hebammen im Geburtshaus voraus, dass alle Schwangeren wenigstens eine Ultraschalluntersuchung bei einem Gynäkologen haben, um geburtshilflich relevante Risiken für die Geburt auszuschließen. Denn nicht zu wissen, dass das Kind beispielsweise einen Herzfehler hat, wäre hier eine echte Problematik, weil eine optimale Versorgung nicht gewährleistet werden kann.
Kommt es während der Geburt zu Komplikationen und gibt es Anlass zur Sorge, wird im Zweifel der Notarzt gerufen und es folgt die Verlegung in ein Krankenhaus. Der kürzeste Weg führt dabei zur Universitätsfrauenklinik. “Trotzdem tritt der Ernstfall selten ein und wenn, wird es fast nie eilig, wir merken immer, wenn etwas nicht in Ordnung ist und können frühzeitig entscheiden”, beruhigt Friederike Scholz. Das liege vor allem daran, dass man die Familien sehr genau kenne und ein großes Vertrauensverhältnis untereinander bestände. So könne man besser einschätzen, wenn etwas nicht stimmt und schneller reagieren, ergänzt sie.
Die dreifache Mutter gehört seit der Gründung des Geburtshauses 2004 zu einem der beiden Hebammenteams, die sich jeweils zu zweit um die werdenden Eltern kümmern. Eine Hebamme aus jedem Duo ist dabei immer in Bereitschaft, die andere hat frei. Zur Geburt wird diejenige gerufen, die gerade Dienst hat, meistens kommt die zweite Hebamme in der Endphase oder kurz nach der Entbindung hinzu, um zu helfen. Es gibt zwei Geburtsräume, ausgestattet mit einem Bett sowie den gängigen Gebärhilfsmitteln wie Seil, Hocker und Wanne. 92 Kinder erblickten 2010 im Geburtshaus am Marienplatz das Licht der Welt. “Tendenz steigend”, wie Hebamme Andrea Held anmerkt.
Da es sich um eine ambulante Einrichtung handelt, gehen die frisch gebackenen Mütter mit ihren Babys nach einer “Verschnaufpause” direkt nach Hause. Die Nachsorge findet dann bei den Eltern statt. Im Kurszentrum nebenan werden unter anderem Rückbildungsgymnastik, Babyschwimmen und Osteopathie sowie Geburtsvorbereitung und Yoga für Schwangere angeboten.
Gut zu wissen
Das Geburtshaus am Marienplatz lädt werdende Eltern jeden ersten Mittwoch im Monat ab 18 Uhr zu einem Informationsabend mit anschließender Besichtigung der Räumlichkeiten ein (ohne Anmeldung).
Weitere Informationen zum Geburtshaus am Marienplatz finden Sie hier!
Constanze Dietsch






